Diese drei Zahlen zusammen sind eine Bombe. Weniger verdienen, weniger einzahlen, früher aufhören – und dann noch fünf Jahre länger von dem wenigen Geld leben. Das ist kein Einzelschicksal, das ist Systemversagen. Und du kannst etwas dagegen tun.
Als ich in der Finanzbranche gearbeitet habe, habe ich gesehen, wie Frauen bei Anlageentscheidungen systematisch unterschätzt werden – von außen, aber manchmal auch von sich selbst. Dieses Thema liegt mir wirklich am Herzen. Nicht weil es politisch korrekt ist, sondern weil ich weiß: Wer früh anfängt zu investieren, verändert seine Zukunft. Und das ist für Frauen noch dringender als für Männer.
Woher kommt der Gender Pension Gap?
Die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern ist kein Zufall und auch kein Fehler im System – sie ist das logische Ergebnis struktureller Ungleichheiten, die sich über Jahrzehnte aufschichten:
Ursache 1: Der Gender Pay Gap trifft direkt die Rente
Die gesetzliche Rente basiert auf Rentenpunkten. Rentenpunkte basieren auf deinem Gehalt. 18% weniger Gehalt über 40 Erwerbsjahre = 18% weniger Rentenpunkte. Ganz einfach, ganz brutal.
Ursache 2: Elternzeit und Care-Arbeit
In Deutschland übernehmen immer noch Frauen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit: Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Haushalt. Für die Rente zählt davon fast nichts. Drei Jahre Elternzeit werden mit maximal 1 Entgeltpunkt pro Jahr angerechnet – was dem Durchschnittsverdienst von ca. 45.358 € (2025) entspricht. Wer mehr verdient hat, verliert die Differenz.
Ursache 3: Teilzeit – die stille Rentenkiller
Rund 48% der erwerbstätigen Frauen in Deutschland arbeiten in Teilzeit – gegenüber 12% der Männer (IAB 2025). Teilzeit reduziert nicht nur das aktuelle Einkommen, sondern skaliert direkt auf die Rente durch. Eine Frau, die 15 Jahre in 50%-Teilzeit arbeitet, verliert rechnerisch 7,5 Jahre Rentenanspruch.
Ursache 4: Die Longevity-Falle
Frauen leben in Deutschland im Schnitt 5 Jahre länger als Männer (Statistisches Bundesamt 2024). Das klingt zunächst gut. Fürs Geld ist es eine Herausforderung: Das angesparte Kapital muss länger reichen, die Pflegewahrscheinlichkeit steigt, und die letzten Lebensjahre sind oft die teuersten (Medizin, Pflege, barrierefreies Wohnen).
Was bedeutet das in Euro?
Lass uns das konkret machen. Die durchschnittliche Bruttorente von Frauen (West) lag 2024 bei ca. 1.210 € pro Monat. Bei Männern waren es ca. 1.720 €. Das sind 510 Euro Unterschied – jeden Monat. Über 20 Rentenjahre: 122.400 Euro weniger.
Und das ist der Bruttobetrag. Nach Kranken- und Pflegeversicherung bleiben netto nochmal weniger übrig. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiekosten und Lebenshaltungskosten. Viele Frauen ab 65 stehen vor der Realität, mit 900-1.100 € netto im Monat in einer deutschen Großstadt leben zu müssen.
über 65 sind armutsgefährdet
Die gute Nachricht: Du kannst etwas tun
Diese Zahlen sollen dich nicht lähmen – sie sollen dich motivieren. Denn das Schöne an dieser Erkenntnis ist: Je früher du sie hast, desto mehr Zeit bleibt dir, gegenzusteuern. Und Gegensteuern ist möglich.
Ich glaube wirklich, dass Finanzbildung der wichtigste feministische Akt ist, den wir heute tun können. Nicht weil Geld alles ist – sondern weil finanzielle Unabhängigkeit Freiheit bedeutet. Die Freiheit, "Nein" zu sagen. Die Freiheit, eine schlechte Beziehung zu verlassen. Die Freiheit, Teilzeit zu wählen, ohne dafür im Alter zu zahlen. Das geht – wenn du ein Polster aufgebaut hast.
Dein Aktionsplan: Rentenlücke schließen
Hier sind die konkretesten Hebel, geordnet nach Wirkung:
- 1. ETF-Sparplan einrichten – sofort 50–100 € monatlich in einen breit gestreuten ETF (z.B. MSCI World oder FTSE All-World). Der Zinseszinseffekt wirkt stärker als jede Gehaltserhöhung, wenn du früh anfängst. Bei 6% Rendite p.a. werden aus 100 €/Monat über 30 Jahre ca. 97.000 €.
- 2. Freistellungsauftrag maximal ausnutzen 1.000 € Sparerpauschbetrag pro Jahr – stelle sicher, dass du diesen Betrag bei deiner Bank und deinem Depot korrekt verteilt hast. Jeder Euro Kapitalertrag darunter ist steuerfrei.
- 3. Gehalt verhandeln – auch wenn es unangenehm ist Jeder Euro mehr Gehalt = mehr Rentenpunkte. Eine Gehaltserhöhung von 5% wirkt sich direkt auf deine Rente aus. Frauen verhandeln seltener – das ist ein Fakt, den wir ändern können.
- 4. Riester oder Rürup prüfen Nicht für alle sinnvoll, aber: Riester wird seit 2025 reformiert (Ampel-Folgekoalition), Rürup ist besonders für Selbstständige interessant. Lass dich beraten, ob eine staatlich geförderte Rente für dich passt.
- 5. Betriebliche Altersvorsorge (bAV) nicht liegen lassen Dein Arbeitgeber muss seit 2019 mindestens 15% bezuschussen, wenn du in eine bAV einzahlst. Frag in der Personalabteilung – viele Frauen wissen nicht, dass dieses Geld einfach nicht abgerufen wird.
- 6. Elternzeit-Strategie planen Falls du Kinder planst: Schau dir Partnerschaftsmodelle an, plane wie ihr Elternzeitmonate aufteilt, und überlege wie du schnellstmöglich wieder (Teil-)Zeit investieren kannst.
Der Zinseszins-Effekt als beste Medizin
Der mächtigste Verbündete gegen die Rentenlücke ist Zeit. Nicht Rendite. Nicht das perfekte Depot. Sondern der Start.
| Start mit 100€/Monat | Mit 25 | Mit 30 | Mit 35 |
|---|---|---|---|
| Laufzeit bis 67 | 42 Jahre | 37 Jahre | 32 Jahre |
| Eingezahlt (Eigenleistung) | 50.400 € | 44.400 € | 38.400 € |
| Endwert (6% p.a.) | ca. 193.000 € | ca. 137.000 € | ca. 94.000 € |
| Rendite on top | +142.600 € | +92.600 € | +55.600 € |
* Berechnung mit 100 €/Monat, 6% durchschnittliche Jahresrendite (historischer MSCI World-Schnitt liegt bei ca. 7-8% p.a. vor Inflation), keine Steuereffekte berücksichtigt. Keine Anlageberatung.
Der Unterschied zwischen 25 und 35 Jahren Laufzeit: fast 100.000 Euro. Für exakt den gleichen monatlichen Beitrag. Das ist der Zinseszins – und das ist dein stärkster Hebel.
Was ist mit dem Gender Pay Gap selbst?
Den Gender Pay Gap wirst du alleine nicht abschaffen. Aber du kannst aktiv werden:
- Gehaltstransparenz nutzen: Seit dem Entgelttransparenzgesetz (2017) haben Beschäftigte in Betrieben ab 200 Mitarbeitern das Recht, den Median-Lohn vergleichbarer Kolleg:innen zu erfragen.
- Verhandeln üben: Studien zeigen, dass Frauen genauso erfolgreich verhandeln wie Männer – wenn sie es tun. Die meisten tun es schlicht seltener.
- Netzwerke aufbauen: Wissen über Gehälter fließt in informellen Netzwerken. Je mehr du weißt, desto besser kannst du verhandeln.
- Mentoring suchen: Frauen in Führungspositionen können wertvolle Wegweiser sein – sowohl für Gehaltsverhandlungen als auch für Karriereplanung.
Ich werde oft gefragt: "Lohnt sich Investieren denn überhaupt wenn ich so wenig verdiene?" Und meine Antwort ist: Besonders dann. Weil du dir nicht leisten kannst, es nicht zu tun. Selbst 25 € im Monat, die du heute anfängst zu investieren, sind besser als 200 € die du mit 40 anfängst. Fang klein an. Fang jetzt an. Und dann erhöh den Betrag, wann immer du kannst.
Zusammenfassung: Dein Vorteil als junge Frau
Das klingt paradox, aber: Der Moment, in dem du diese Zahlen kennst, ist dein größter Vorteil. Denn du kannst handeln. Die Frauen, die heute arm im Alter sind, haben diese Zahlen nie gesehen – oder erst zu spät.
- Rente wird für Frauen nicht reichen – das ist keine Katastrophe, wenn du es weißt
- Früh starten schlägt alles andere – 10 Jahre früher investieren kann doppeltes Kapital bedeuten
- ETF-Sparplan + Freistellungsauftrag + Gehalt verhandeln = drei Hebel, die heute schon wirken
- Perfektion ist der Feind des Anfangs – 50 € jetzt ist besser als 200 € "irgendwann"
Starte mit dem Gratis Starter-Kit
Mein Starter-Kit für Frauen: Altersvorsorge-Checkliste, ETF-Guide und Schritt-für-Schritt-Plan für dein erstes Depot.